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Heilkraft des Moores

Schwarzes Gold: Moorbäder entgiften, wirken keimtötend und blockieren Schmerzsignale des Körpers.

Jeder in Bad Aibling kennt Meinrad Egger. Der 79-jährige Masseur und Bademeister ist Inhaber und Betreiber des Kurmittelhauses des idyllischen Städtchens im oberbayerischen Landkreis Rosenheim. Unlängst kam ein Mann zu ihm, der „wieder moorbaden“ wollte, denn sein Arzt habe ihm keine neue Hüfte „verschrieben“, weil sich das nicht mehr lohne.

Moorbad Foto: AIB-KUR Gesellschaft für Kur & Fremdenverkehr Bad Aibling mbH & Co. KG

„Der Orthopäde kann mich gernhaben“, habe der Alte geschimpft wie ein Rohrspatz. Wie alt er denn sei, wollte Egger wissen. „In drei Wochen werde ich 100“, war die Antwort. Als Egger ihn nach 20 Minuten abspritzen wollte, weigerte sich der Mann, aus der Wanne zu steigen. „Ich habe bezahlt und bleibe, so­lange ich will!“ „Alte Menschen vertragen das Moorbaden erstaunlich gut“, erläutert Experte Egger gegenüber der Pool-Redaktion. „Aufpassen muss man bei jungen Mädchen, weil sie schneller Kreislaufprobleme bekommen.“

Moor-Experte Meinrad Egger Der 79-jährige Masseur und Bademeister Meinrad Egger ist Experte für Moor.

Wohlig warm fühlt sich ein Bad in der behäbig wabbelnden, braunen Masse an. Das Thermometer misst runde 42 Grad. Nach nur 20 Minuten hat sich die Körpertemperatur um bis zu zwei Grad erhöht – ein künstliches Fieber ist entstanden, das die Abwehrmechanismen des Körpers aktiviert und so Heilungsprozesse beschleunigt. Die Wärme wirkt lange Zeit gleichbleibend warm direkt auf die Haut. Das regt zur Ausscheidung von Schweiß und Giften an – im Moorbrei sind diese Substanzen weniger konzentriert; und das zieht sie gewissermaßen aus der Haut.

Überdies wird die Verbreitung von Bakterien eingeschränkt, ihrer Vermehrung der Boden entzogen. Denn die Poren der Haut ziehen sich zusammen. Zudem kommen Körper und Geist wunderbar zur Ruhe. Bad Aibling, Bayerns ältestes Moorheilbad, setzt den organischen Schlamm als Therapie bei Arthrose, Rheuma, Osteoporose, Prostata-Erkrankungen, Frauenleiden, Nervenschäden, Durchblutungsstörungen und Stress erfolgreich ein.

Berühmt wurde Aibling bereits vor rund 160 Jahren durch sein „schwarzes Gold“. 1848 begann der königlich-bayerische Gerichtsarzt Desiderius Beck mit ersten Forschungen. Nach sieben Jahren wissenschaftlicher Experimente war der Grundstein für das erste Moorheilbad Bayerns gelegt. Als ganzheitliche Therapie wird die Bad-Aiblinger-Moorkur erfolgreich mit dem heilenden Wasser der stark schwefelhaltigen Desiderius-Quelle kombiniert, das aus einer Tiefe von 2.300 m an die Oberfläche sprudelt.

Moorbad Foto: AIB-KUR Gesellschaft für Kur & Fremdenverkehr Bad Aibling mbH & Co. KG

Moor ist ein ortsgebundenes Heilmittel, das an jedem Standort eine andere Zusammensetzung hat. Gesundheitsfördernd ist es überall – lediglich die Schwerpunkte der Indikationen weichen geringfügig voneinander ab. Eine Liste der über 350 zertifizierten Heilbäder und Kurorte findet sich auf der Internetseite www.die-neue-kur.de.

Beim Klick auf das Stichwort „Moorheilbäder“ werden auf einer Landkarte die Standorte der 46 anerkannten Moorheilbäder in Deutschland angezeigt. „Schlammbäder“, wie Desiderius Beck seinerzeit anmerkte, „sind viel wirksamer als Wasserbäder.“ Denn die Wärmewirkung eines Wasserbades ist abhängig von der Durchblutung. Die Körperteile, die schlecht durchblutet sind, und das sind die erkrankten Teile, haben bei einer schnellen Wärmeabgabe des Wassers das Nachsehen. Der Vorteil des Moorbades liegt darin, dass der Wärmestrom gleichmäßig und langsam erfolgt, den Kreislauf anregt und den ganzen Körper erfasst.

Man müsse aber unbedingt nackt baden, erläutert Moor-Koryphäe Egger, damit die Wirkstoffe bestmöglich in die Haut eindringen. Das sei nicht für jeden selbstverständlich. Einmal kam ein muslimisches Ehepaar zu ihm. Nachdem er für die Frau ein Moorbad zubereitet hatte, schickte der Ehemann ihn hinaus. Als Egger nach einer Weile nach dem Rechten sehen wollte, stellte er fest, dass die Frau in voller Montur in die Wanne gestiegen war. „Den Mann habe ich sofort weggeschickt, um der Frau trockene Kleidung zu holen“, empört sich der Moor-Experte mit den grauen Haaren und den dunklen, buschigen Augenbrauen.

„Moor wirkt am besten direkt auf der Haut“, stellt Egger klar. Dann funktioniere die Osmose am besten, der Druckausgleich, bei dem Schweiß und Giftstoffe ausgeschwemmt und die Wirkstoffe aufgenommen werden. Das Bad Aiblinger Moor enthält 252 verschiedene rein pflanzliche Hormone, 38 Spurenelemente und einen hohen Anteil an Huminsäure. Diese wirke positiv bei allen Stoffwechsel­erkrankungen wie zum Beispiel Gicht und trage wesentlich zur Linderung von Gelenksentzündungen bei.

Huminsäuren sind stickstoffhaltige, organische Säuren, die für das „saure“ Moormilieu und die braune Farbe des Moores verantwortlich sind. Sie wirken keimtötend, blockieren Schmerzsignale und bestimmen die aktive Wärmeaufnahme des Körpers. Moor wirkt entzündungshemmend, entgiftend und heilend auch bei Akne oder Schuppenflechte. Der kosmetische Nutzen von Moorbädern basiert auf Ölen, Fettsäuren und Lipoiden – die Haut fühlt sich dann samtig weich an. Ab und zu, wenn es ruhig ist, „setzt“ Egger, wie er sich wörtlich ausdrückt, seine eigene Ehefrau ins Moor – das wirke gegen Falten wie ein Jungbrunnen! Früher hätten die Frauen ihr Gesicht komplett mit Moor bedeckt. „Dadurch sparen Sie so viel Kosmetik, dass Sie von dem Geld eine Kur bezahlen können“, witzelt der Moor-Experte.

Es gibt auch Kontra-Indikationen bei heißen Mooranwendungen, Morbus Bechterew beispielsweise, eine akut entzündliche Wirbelsäulenerkrankung. In diesem Fall verabreicht Egger Kaltpackungen, denn nicht allein die Wärme sorge für Heilung. „Die vertorften Pflanzenreste, die sich Jahrtausende stufenweise zersetzten, enthalten biologisch aktive Pflanzenstoffe, die auch ohne Wärme wirken.“

Und noch etwas bewirkt das Moor: Es ist belegt, dass die Bäder bei Kinderlosigkeit helfen können. Bei einem Pilotprojekt im Kurmittelhaus, das Egger betreute, waren von elf Frauen mit Kinderwunsch nach einem Jahr sieben schwanger. Gleich mehrere Studien hätten die Wirksamkeit bei Unfruchtbarkeit bewiesen, so Egger. Moorbäder wirken durch Regulation der Temperatur positiv auf die Östrogenbildung. Daher können sie fruchtbar machen, den Zyklus regulieren und zudem Menstruationsbeschwerden entgegenwirken.

Eine weitere Beobachtung der Anwendungen hat auch den Heilerfolg bei Osteoporose untermauert. Übrigens haben laut Egger vor 160 Jahren ausschließlich Frauen moorgebadet, um die klassischen Unterleibserkrankungen zu bekämpfen, weil damals keine wirksamen Mittel dagegen bekannt waren. Und diese Frauen stellten quasi nebenbei fest, dass im Moor auch Rheuma und Arthritis gelindert werden. Das war der Startschuss für die Männer: Was den Frauen hilft, das hilft auch uns!

Dieser Artikel ist in Ausgabe 51 des pool Magazins erschienen.

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